Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

Der Frömmste kann in Frieden leben

„Der Frömmste kann DOCH in Frieden leben“

Es kann der Frömmste nicht in Frieden leben, wenn es den bösen Nachbarn nicht gefällt. Laute Musik, Schlechte Schalldämmung im Haus, das eine oder andere Missverständnis und eine daraus resultierende Unhöflichkeit, all dies sind Faktoren die den Stress der Arbeitswelt auch noch in die eigenen vier Wände transportieren. Der Stress steigert sich, die Motivation sinkt, sei es jene im Job („Wozu soll ich mich anstrengen, wenn ich es zuhause dann nicht genießen kann?“) oder auch jene, sich vielleicht doch einmal mit dem Nachbarn im Guten zu treffen („… wird bei DEM ja eh nix helfen“).

Dabei hat man es doch verdient, sollte doch wirklich die Ruhe in seiner Wohnung, wenigstens am Wochenende… Nun, wenn es so einfach wäre. Doch leider überschneiden sich hier die Interessen. Einerseits der Wunsch, die Kreativität des Nachwuchses zu fördern, indem man wenigstens einmal in der Woche eine Klavierstunde ermöglicht oder auch einen Gesangslehrer ins Haus bittet. Der Wunsch, an der Lebensfreude und Spontaneität der Kinder teil zu haben und auch die ersten Schritte feiern zu können.

Auf der anderen Seite steht der Wunsch, sich nach einem anstrengenden Arbeitsleben auch einmal unter Tags eine Stunde ausruhen zu dürfen. Schließlich hatte man über Jahrzehnte in seine Pension investiert, jetzt will man sie auch genießen. Außerdem waren die alten Mieter in der oberen Wohnung viel netter, viel verträglicher. Aber als dann kürzlich die neuen, jetzigen Mieter eingezogen sind, wurde alles viel schlimmer.

Diese oder ähnliche Argumente stehen sehr oft am Beginn einer Nachbarschaftsmediation.

Wozu aber eigentlich diese Mediation? Man befindet sich doch ohnedies im Recht. Der eigene Standpunkt ist eindeutig, kann jedem klar dargelegt werden. Hält freilich auch einer scheinbar kritischen Überprüfung stand.

Mag ja sein, die Sicht des Mediators zeigt ein anderes Bild: Natürlich haben beide Seiten uneingeschränkt Recht, dies zu beurteilen ist auch nicht Sache des Mediators, nicht Thema der Mediation, sonder wäre Anlassfall für einen Rechtsstreit in der jeweiligen Bestandrechtsabteilung des zuständigen Bezirksgerichtes. Hier wäre freilich ein ausgewiesener Mietrechtsspezialist anzuraten. Doch ist  ihre Zahl gering. Ist man an einen solchen geraten, sind seine Kosten von einer vorhandenen Rücklage oder einer Rechtsschutzversicherung gedeckt und verfügt man über entsprechende zeitliche und nervliche Ressourcen, um einen bestandrechtlichen Prozess auszusitzen, so spricht eigentlich nichts dagegen, sich auf einen Rechtsstreit einzulassen …, wenn die Rechtslage eindeutig ist.

Ziel der Mediation ist dagegen der oft beschworene „grüne Zweig“, der manchmal noch unbetretene Pfad der nachbarschaftlichen Einladung, des verbesserten Tones.

Der Vorteil des Mediationsprozesses insbesondere in Hinblick auf Nachbarschaftskonflikte ist die Möglichkeit individuell auf den jeweiligen Fall, mehr noch auf die jeweiligen Medianden, die Parteien einzugehen. Je nach Art des Konfliktes kann der Mediator gemeinsam mit den Parteien eine passende Lösung für ihre Situation erarbeiten. Hier geht es selten bis kaum um Ansprüche, um Rechte wie sie bei Gericht eingefordert werden. Die tragfähigsten Lösungen findet man dort, wo im Rahmen der Mediation eine Verbesserung des Gesprächsklimas erarbeitet wurde. Eine schriftliche Vereinbarung ist zwar „lege artis“, gehört also zu einer Mediation grundsätzlich dazu, ist aber nicht zwingend das Um und Auf. Viel mehr sollte im Rahmen des Mediationsprozesses auf den Ton, die körpersprachlichen Signale der Anwesenden (inkl. des Mediators) geachtet werden. Hat sich hier von der anfänglichen Ablehnung oder gar Verachtung des Gegenübers eine Akzeptanz entwickelt, hat sich der Ton von aggressiv zu interessiert gewendet, so steht dem „grünen Zweig“ nichts mehr im Wege. Freilich, weder ist die Mediation ein Wundermittel, noch sieht sich der (hier als Autor wirkende) Mediator als Zauberer. Und doch bewirken diese kleinen Gesten oft jene großen Veränderungen, die dann das traute Heim wieder zum „Glück allein“ machen.

Mag. Ulrich Wanderer

http://www.mediation-wanderer.at
http://www.mediation-wolfsberg.at

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am August 2, 2012 von in Berufliches, Gedanken, Uncategorized und getaggt mit , , , .
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