Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

Gedanken zur Obsorge

Gemeinsame Obsorge: Pflicht versus Vertrauensvorschuss
 
Im Rahmen der jüngsten Diskussionen gehen die Emotionen hoch. Während die einen in harschen Worten die obsorgerechtliche Steinzeit heraufdämmern sehen, scheint für andere die verpflichtende gemeinsame Obsorge beider Elternteile der Stein der Weisen zu sein.
Freilich hängt hier der Blick auf das gewünschte Ergebnis sehr vom jeweiligen Standpunkt ab. Die einen beharren stolz auf der alleinigen Obsorge und argumentieren, dass der Ex-Partner ja schon in der Beziehung keine Verantwortung gezeigt hat, die anderen erhoffen nun endlich eine Gegenleistung zum permanent erhöhten Unterhalt.
Im Gespräch mit einer psychologischen Sachverständigen, welche sich mit dem Thema eingehend beschäftigt hat, wurden einige Aspekte, die auch in der praktischen Beratungsarbeit eine Rolle spielen, bestätigt.
Ändern wir einmal einige Bezeichnungen:
Während die Obsorge immer als Sorgerecht bezeichnet wird, so bleibt in diesem Wort ein sehr wesentlicher Aspekt außer Acht. Es handelt sich eigentlich um das Recht des Kindes, wohl umsorgt aufwachsen zu können, also um die Sorgepflicht der Eltern bzw. des alleinig obsorgeverpflichteten Elternteils.
Freilich klingt es erfreulich, wenn man das Recht hat, für sein Kind zu unterschreiben, ihm auch den Aufenthalt vorzuschreiben oder die Schule auszusuchen, aber diese Wortspiele dürfen keineswegs über die Tatsache hinwegtäuschen, dass es sich dabei um eine besonders wichtige Pflicht handelt, welche bei Nichtbeachtung auch massive Folgen zeitigen kann.
Werden die schulischen Leistungen der Sprösslinge nicht von den Eltern abgezeichnet, so wird die Schule (in weiterer Folge vielleicht gar der Jugendwohlfahrtsträger) nachfragen, wie es denn mit der Kindererziehung bestellt ist. Bleiben die Kinder bis spät in die Nacht aus, so klopft unter Umständen gar die Polizei an die Tür. Es handelt sich also bei der Obsorge nicht primär um ein Recht der Eltern sondern um eines der Kinder und eine daraus resultierende Pflicht der Eltern, die auch mit sehr großer Verantwortung und so manchen Belastungen einhergeht.
Ein weiterer Aspekt, welcher anlässlich jener Enquete im Parlament im Frühling des heurigen Jahres angesprochen wurde, fügt sich hier ein. Der OGH würde in einem Erkenntnis ausdrücklich besagen, dass das Besuchsrecht des nicht Unterkunft gebenden Elternteils NICHT dazu diene, dass sich der andere Elternteil einmal frei nehmen und erholen könne. Offenbar war im damaligen Anlassfall die Besuchsregelung mit einem “Wellnessurlaub” des Unterkunft gebenden Elternteils verbunden worden, was der OGH zum Anlass nahm, diese harte Junktimierung in den Raum zu stellen.
Nun, sei es einmal so. Das Besuchsrecht als Recht des Kindes und nicht als Möglichkeit eines Kollateralvorteils des erziehenden Elternteils auf eine kurze Erholung.
Schade eigentlich, dass nicht beides möglich ist.
Ändert man ein wenig die Diktion, beseitigt den Ausdruck des „Besuchs“-Rechts und stellt die „Betreuungszeit“ gedanklich an dessen Stelle, so wäre der Weg für ein möglicherweise neues Verständnis geebnet. Es ginge nicht mehr um den Besuch bei Mama oder Papa (fast wäre man versucht zu schreiben, Besuch bei Fremden oder Bekannten) sondern vielmehr um die zeitlich begrenzte Übernahme von Verantwortung für das gemeinsame Kind. Weg von kurzen Kino- oder Cafebesuchen, die nach Stunden wieder beendet werden, hin zu Verantwortung auf Seite des einen, und Entlastung des anderen Elternteils. Diese Entlastung würde bestenfalls auch Hand in Hand mit einem gewissen Vertrauensvorschuss gehen, welcher freilich für eine gut funktionierende Betreuungszeitregelung unumgänglich ist.
Wobei Vertrauen freilich ein Stichwort auch für die heftig entflammte Diskussion zur geplanten verpflichtenden gemeinsamen Obsorge ist, oder – um bei der erst gewählten Diktion zu bleiben – für die geplante gemeinsame Sorgepflicht.
Wird im Rahmen einer einvernehmlichen Scheidung über die Sorgepflicht für die Kinder gesprochen, so wird die Konfliktkultur der baldigen Ex-Partner auf eine sehr harte Probe gestellt. Wie eingangs schon erwähnt ist freilich gerade hier einer harten Auseinandersetzung Tür und Tor geöffnet. Unterhalt wird gegen vermeintliche Rechte gegengerechnet, der Kontakt zu den Kindern hängt als Schwert des Racheengels über dem ohnedies schon heissen Konflikt.
Niemand will etwas von der alleinigen Verantwortung hergeben, schon gar nicht um „Der/Dem da!“ etwas zu schenken.
Dann hat sich auch noch der völlig irreführende Begriff der „geteilten“ Obsorge in den  Köpfen der Menschen breit gemacht. „Ich teile nichts“ hört man in Antwort auf diesen Irrtum.
Doch ist ja das Gegenstück zur alleinigen Sorgepflicht, der auf den Schultern eines Elternteils alleine ruhenden Verantwortung für das Leben, Gesundheit, die Erziehung und Pflege, die Vertretung und auch das Vermögen nicht die Sorgepflicht 50:50 aufteilt, sondern zu je 100 % auf beide Schultern legt. Beide können wie auch in aufrechter Ehe über das Schicksal der Kinder bestimmen, solange sie sich auf dieser Ebene gut verstehen.
Schon alleine der Vertrauensvorschuss, welcher durch die Vereinbarung einer gemeinsamen Sorgepflicht offenbar wird, hilft im Rahmen einer Diskussion über die sonstig noch zu verhandelnden Themen einer einvernehmlichen Scheidung.
Der Unterhalt und die Vermögensaufteilung wird in der Praxis der Mediation dann weit entkrampfter diskutiert, viel schneller kommt man zu einem guten Ergebnis, welches in Zukunft auch tragfähig bleibt.
Ändert sich das Einvernehmen bezüglich der Kinder, so steht es freilich jedem Elternteil jederzeit frei, einen Antrag auf alleinige Obsorge[1]
 zu stellen. Bereits die Tatsache, dass ein solcher Antrag gestellt wird, ist für das entscheidende Gericht ausreichend, um ein Zerwürfnis zwischen den Eltern anzunehmen und die gemeinsame Obsorge aufzuheben.
Freilich zeigen die Fragen der Klienten bei Beratungsstellen bzw. die Anliegen der Schreiber in Familienrechtsforen, dass die Praxis weit hinter hehren Idealen hinterdrein hinkt. Es kann nicht die primäre Aufgabe eines Beraters und Mediators sein, die Gesellschaft zu verändern, sondern den jeweiligen Klienten und Medianden ihr jeweiliges persönliches Schicksal zu erleichtern, doch … ein wenig bleibt der Traum im Hinterkopf, zumindest in der hintersten Ecke versteckt.
Mag. Ulrich Wanderer
http://www.mediation-wanderer.at
http://www.mediation-wolfsberg.at

 _________________________________________[1]
 Hier sei doch entgegen der oben gewählten Wortwahl „Sorgepflicht“ die juristisch korrekte Ausdrucksweise erwähnt.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am August 6, 2012 von in Uncategorized und getaggt mit , .
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