Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

42 KM die mich immer noch formen

Als ich im Jahre 1995 mit dem Gedanken „verdammt, wo sind nun wirklich meine Grenzen“ ins Ziel des damaligen Wienmarathons vor dem Wiener Rathaus einlief, hätte ich mir nie gedacht, was daraus entstehen sollte. Welche Beziehung ich zu dieser Distanz aufbauen sollte. Wie prägend sie für mich werden sollte.

Damals tat alles weh. Unterm Laufen waren die Gehsteigkanten gleich Bergen, die japanischen Touristen, die mich damals fragten, was ich denn da am Radweg mache (der Ring war schon längst wieder für den Strassenverkehr geöffnet) sind mir noch in bester Erinnerung. Ebenso der Endspurt. Ich biege auf die letzte Gerade vor dem Rathaus ein, da überholt mich schreiend ein Kollege, schreiend wohl auch vor Schmerz. Ich will mich nicht beugen und sprinte mit. Nach über 5 Stunden Leiden, Nach 42 Kilometern noch dieser Endspurt. Herrlich.

Dabei habe ich ja schließlich überhaupt nicht hintrainiert. Ich wollte nicht akzeptieren, dass ich wenig oder keinen Sport machen sollte, wie mir ein AKH-ler wenige Wochen vorher erzählt hatte. Nein, das machen wir nicht so. Anmeldung für den Wienmarathon und gemma.

Ja, und das war dann der erste. Ich muß schon auch dazu sagen, dass die Schmerzen schon besonders waren. Nicht nur die offenen Stellen an den Schenkeln, der sogenannte Wolf, nein auch die Muskeln und alles andere. Die Faszination kann man wohl nicht erklären, die muß man begreifen.

Ich habe mir nie gesagt, NIE WIEDER, nein, es war mir klar, dass dieser Kampf, dieses Beißen und die Inakzeptanz des Unmöglichen wohl mein Leben recht gut smbolisieren würde. Im Jahr drauf gleich noch einmal, 1996, unmittelbar nach einer Darmgrippe, dann auch noch mit Schnee, Regen und Hagel. 1997 wieder in einer für damals herausragenden Zeit, die immer noch zu den 4 besten Zeiten zählt, die ich bisher gelaufen bin. Tagesform sei dank!

Irgendwann dann kam auch ein zweiter Marathon im Jahr dazu, meist die Wachau.  Dann Gerichtsjahr, dann der erste Job bei einer Investmentbank. Der Job ging wieder, der Marathon blieb. Er blieb auch, als ich daraufhin arbeitslos war und eine Konstante suchte. Ich hatte sie gefunden, im fast täglichen Lauf. Außerdem war da in den Weiten des WWW ein Forum, eine Gruppe von ähnlich denkenden Menschen, wo wir uns übers Laufen über all unsere Gedanken austauschen konnten. Wir trafen uns, liefen miteinander, tranken miteinander, freuten uns miteinander über Erfolge. Die Jahre kamen und gingen, ebenso wie die ersten 10, die ersten 20 Marathons. Die Anzahl der Freunde wuchs, die Summe der wundervollen Eindrücke potenzierte sich.

Ich hatte mich schon öfter damit abgefunden, wohl nicht mehr lange laufen zu dürfen, sei es, weil ich dachte, der Job ließe mir keine Zeit mehr dafür. Nun, bisher laufe ich noch immer. Sei es auf den Berg (Großglockner), Stiegenhäuser (Donauturm), alle Distanzen von 5 bis (einmal zumindest) 100 km. Spaß macht jeder Lauf, jedes Kennenlernen des eigenen Ich´s durch die Rennerei. Und verdanke dieser Rennerei Lebensgefühl, Gesundheit, Liebe zum Leben und vor allem die Liebe meines Lebens. Auch Heidi meine Frau ist eine Marathonläuferin, auch sie teilt meine Begeisterung. Wir kennen beide den  Moment, an dem nichts mehr zu gehen scheint. Und das Wissen, das es dennoch ein Ziel gibt und einen neuen Start.

Nicht jeder sollte Marathon laufen, bitte nicht, sonst sind alle Strecken völlig überfüllt. Aber die Begeisterung, die Lebenslust und den Genuß im Wandel der Natur wünsche ich jedem!

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Ein Kommentar zu “42 KM die mich immer noch formen

  1. ulrichsblog
    Dezember 1, 2014

    Hat dies auf Ulrichs Blog rebloggt und kommentierte:

    Inzwischen sind ja doch wieder einige Kilometer gelaufen, ein wenig Sonne getankt und mehrere Schuhe verschlissen.
    Jedoch auch Berichte geschrieben.
    Ich schreibe leidenschaftlich gern Berichte meiner Marathons, insbesondere, wenn sie Spaß gemacht haben.
    Ein kleines Best-Of findet sich unter den folgenden Links
    NIZZA-Marathon: http://www.run42195.at/report_view.php?reportid=748
    mein 50. Marathon : http://www.run42195.at/report_view.php?reportid=723
    der Rennsteiglauf: http://www.run42195.at/report_view.php?reportid=680
    100KM von Biel: http://www.run42195.at/report_view.php?reportid=488

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Oktober 7, 2012 von in Uncategorized.
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