Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

Wahl 2016 aus Sicht des Mediators

 

Die Wahl ist geschlagen, wir haben keinen Präsidenten. Noch nicht, aber eh bald. Wer es wird zeigt sich noch früh genug. Was es wurde, ist schon klar. Ein unerfreulicher Haufen zerschlagenen Porzellans, ein Riss quer durch Gemeinden, durch Lokale, durch Bekanntschaften. Hier nimmt sich Ihr Autor keineswegs aus. Zweifellos handelt es sich hier um einen Konflikt, somit um eine Situation, die den Mediator[1] freilich automatisch interessiert.

Schon alleine das Wording der „“Wahlschlacht“ , des „Wahlkampfes“ oder wie auch zu Beginn zu lesen ist: der „geschlagenen“ Wahl ist martialisch. Der Gott des Krieges hinterlässt in der Regel eher verbrannte Erde und keine fruchtbaren Äcker. Wenn aber im Rahmen einer Nationalratswahl die Zeichen bereits im Rahmen der Wahl….Auseinandersetzung auf Koalition stehen, so ging es bei der soeben ausgetragenen Bundespräsidentschaftswahl eher um einen Lagerwahlkampf, der keine Alternativen, keine Koalitionen zuließ. Wir oder Sie, Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß, das war die klare Entscheidung. Während Kandidat Hofer primär von seiner Gesinnungsgemeinschaft unterstützt wurde, sammelte Kandidat Van der Bellen auch im Rahmen von Unterstützungserklärungen mehr und mehr Persönlichkeiten der unterschiedlichsten Couleurs um sich, denen er sich wohl in welcher Weise auch immer verpflichtet fühlen wird.
Die Eskalationsdynamik Glasls[2]  zeigt in bildhafter Weise auf, dass eine Meinungsverschiedenheit in dem Moment aus der Win-Win Situation in einen Win-Lose-Wettkampf kippt, in dem eine der Streitparteien die Gefahr sieht, vor den Koalitionären das Gesicht zu verlieren. Seien es die Familienmitglieder oder Freunde im Rahmen einer Scheidung, die anderen Mitbewohner im Rahmen eines Nachbarschaftskonfliktes, welche im Rahmen einer Unterschriftsliste gegen den Störenfried unterschrieben haben , oder eben die politischen Weggefährten, wie auch die Wähler an sich, denen sich doch manche Politiker[3] auch nach den Wahlen noch verpflichtet fühlen.  Ein Abgehen von jenen Parolen, die im Wahlkampf die eigenen Parteigänger und Sympathisanten mobilisieren sollten beziehungsweise die Unentschlossenen noch auf die eigene Seite ziehen sollten, könnte einen Gesichtsverlust und einen Glaubwürdigkeitsverlust des Amtes an sich bedeuten. Hier kommt freilich die politische Realität dem Mediator zu Hilfe. Der Spruch „nichts wird so heiß gegessen, wie gekocht“ gilt auch hier. Insbesondere deswegen, weil entgegen aller Versicherungen eines „starken Amtsverständnisses“ wohl auch weiterhin die präsidentielle  Stimme eher ein Randgeräusch des tagespolitischen Krachs sein wird.
Die politische Realität ist also die Hoffnung des Landes, so absurd dies auch klingen mag. Doch bleibt vorerst noch die Unsicherheit, ob denn die österreichische Mentalität immer noch primär der Trägheit und Gemütlichkeit verpflichtet bleibt, oder sich vielleicht durch permanente Indoktrinierung in eine radikale „Notwehr“-Stimmung hineintreiben lässt, in welcher die Grenzen des bürgerlichen Anstands, der Menschlichkeit und schlussendlich des Gesetzes aufgehoben sind. Schlussendlich wird es wohl an uns sein, den Mediatoren des Alltags, die Stimmung weiterhin positiv zu erhalten und die Wahlkampfeskalation der letzten Wochen das sein zu lassen, was sie im besten Fall sein soll: Vorübergehend.

[1] Der Autor arbeitet als selbständiger Mediator in Wien/NÖ und Kärnten

[2] https://de.wikipedia.org/wiki/Konflikteskalation_nach_Friedrich_Glasl

[3] Zugegebenermaßen ein Idealfall

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Ein Kommentar zu “Wahl 2016 aus Sicht des Mediators

  1. Ulrich habsburg
    Mai 23, 2016

    und einer Monarchie hätte es solche Hahenkämpfe nicht gegeben.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Mai 23, 2016 von in Gedanken und getaggt mit , , , , .
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