Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

Warum Rasenmähen und Laufen geil und die Gegenwart und Zukunft nicht perfekt sind

 

Schwachsinn!

Schwachsinn ist es doch, in den Tag hinein zu leben und ich nicht schon am Ende des Vormonats die Benchmark für den Folgemonat zu erdenken. Wir brauchen doch Ziele, brauchen doch klare Vorgaben, um unser Leben erfolgreich zu gestalten. Nur jene Ziele, die wir uns auch vorstellen können, erreichen wir auch. Ja mag sein. Meins ist das weniger, dazu bin ich zu faul und wahrscheinlich auch zu dumm.

Ich liebe lieber, ich lebe lieber, ich bin lieber
und irgendwie klappt das auch ganz gut

Als meine damals noch nicht angetraute Traumfrau mich in den ersten Monaten unserer Beziehung immer wieder nach Kärnten mitnahm, war ich ehrlich gesagt schon fast ein wenig eifersüchtig. Nicht auf die paar Ex-en, sondern viel mehr auf´s Rasenmähen. Die Begeisterung und Akribie mit der sie den Rasenmäher über das Grundstück führte, war einerseits beachtlich, andererseits ging schon ein durchaus beachtlicher Teil unserer Zeit für die perfekte Rasenfrisur drauf. Man kann sich vorstellen, irgendwann einmal wollte ich als Frischverliebter auch lieber Zeit mit ihr verbringen, als beim Rasenmähen zuzuschauen.
Fehler 1: warum schaute ich denn zu? Warum half ich nicht und versuchte so, einerseits den Vorgang zu beschleunigen, andererseits auch schlichtweg meine Holde zu unterstützen. OK, gedacht, getan. Eingeweiht in die Geheimnisse der Rasentrimmkunst führte ich bald den Mäher auch halbwegs flott und gleichmäßig über den Rasen.

Dennoch, es war eher ein Mittel zum Zweck. Ich wollte schnell diese eher als lästig empfundene Gartenarbeit hinter mich bringen, um mich dann Wesentlicherem zu widmen. Was im Endeffekt dazu führte, dass ich meiner Liebsten nur bedingt half. Der Unterschied zwischen Ihrem und meinem Engagement hinsichtlich des Endergebnisses war am Rasen sichtbar. Und auch verständlich: mein Ziel war nicht der perfekte Rasen, sondern die Zeit danach.

Fehler 2: Rasenmähen war also ein unerfreulicher Nebeneffekt, ein Muss und Soll. Schade eigentlich. Irgendwie hatte und hat nach wie vor der Kärntner Rasen mehr zu bieten, als nur negative Pflichtgefühle und ein „Hoffe, es ist bald vorbei“. Hier ein neues Eck zu mähen, hier eine neue Pflanze, hier eine Blindschleiche oder ein anderes Getier, welches ich dann lieber doch nicht in 35 Stücke zerteile. Plötzlich war da eine andere Motivation dahinter. Ich konnte im Garten mitgestalten, konnte einen Unterschied machen. Nicht nur aber auch für besagte Blindschleiche. Je mehr ich dies verstand, umso achtsamer wurde ich. Es ging mir nicht mehr um´s Ergebnis (gelegentlich habe ich immer noch ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Bienen ihre Futterblüten kappe), sondern um´s Tun schlechthin. Die Entwicklung die ich mit jedem einzelnen Schritt hinter dem Rasenmäher mitbewirken kann und erleben darf. Ich beobachte dabei nicht nur den Rasen an sich, sondern auch die Insekten, die Nachbarskatze und insbesondere das Wetter. Zu oft schon hat plötzlich einsetzender Regen zu Stress geführt, schließlich ist das Zeitfenster in dem man einen Motormäher in Betrieb setzen kann auch nur beschränkt. Also… beobachten, lernen und sein. Ja. Ich bin momentan nicht der Läufer, ich bin nicht der Jurist. Ich bin einfach nur der, der den Rasen mäht und dabei versucht, viel aus der Situation zu lernen. Ich bin einfach jetzt und ich bin einfach da.

Was für ein geiles Gefühl.

Wie schon ganz beiläufig erwähnt laufe ich auch ganz gern durch die Gegend. Alles andere als schnell, dafür aber gern recht lang. Und auch schon seit langer Zeit. Ich habe das unvorstellbare Glück, seit nun 25 Jahren Marathons laufen zu dürfen, was für ein Geschenk.

Lang vorbei sind die Zeiten, in denen ich versucht habe, schneller zu sein, als früher. Eine PB´s meine persönlichen Bestzeiten renn ich lang nicht mehr, das ist aber auch gut so. Das Training hat mich ja nie wirklich interessiert, dazu war die Leidenschaft für die Freiheit des Laufes zu groß. Was mich jedoch immer fasziniert hat und nach wie vor den Antrieb für diverse Strecken darstellt ist das Abenteuer. Ein jeder Lauf, seien es nun 8 oder 130 Kilometer bedeutet ein Abenteuer, dessen Ausgang vor dem ersten Schritt ungewiss ist. Was erlebe ich auf der Strecke, was werde ich sehen, wie werde ich mich fühlen, wie werden meine Füße, meine Muskeln heute agieren? Wie wird der Strauch auf der Donauinsel aussehen, wie die Gatschlacke am Leopoldsberg? Es sind einfach die kleinen Dinge am Wegesrand, die die Besonderheit ausmachen. Darüber hinaus aber auch die noch viel kleineren Veränderungen im eigenen Körper. Wie geht es mir, wenn ich nach 4 Kilometern die Donauinsel betrete, wie geht es mir, wenn ich nun 15 oder 20 Kilometer vor mir habe? Meine müden Beine und der oft noch müdere Kopf können sich dies nicht vorstellen.

Und ganz genau darum geht es!
Ich brauche und soll mir doch diese Strecke nicht vorstellen, ich darf sie erleben. Was kümmert mich die Kurve in 500 Metern, ich will doch jetzt einen mehr oder weniger eleganten Sprung über den Maulwurfshügel machen. Ich bin doch jetzt und hier und nicht erst in 500 Metern. Auch die Kante am Rande es Radweges erwartet von mir, dass ich sie gegenwärtig respektiere und sie nicht übersehe, ihre Rache durfte ich bereits kennenlernen. Gerade die Lauferei ist doch so ein wundervolles Bild der Gegenwärtigkeit. Gerade jetzt spürt man den Rückenwind, manchmal den Gegenwind, gerade jetzt ist man durstig, endorphingeladen oder dem Heulen nahe. Gelegentlich schmerzt das Bein, doch ob dieses Gefühl auch noch in 400 Metern dominiert, ist unsicher. Daher verlasse ich mich einfach drauf, dass es besser werden kann, dass ich mich erhole und genieße diesen einen Moment jetzt gerade. Mehr kann ich ja nicht beeinflussen, schließlich ist ein simples STOP nicht das Mittel der Wahl, wenn man gerade an der Landesgrenze Wien/NÖ auf der Donauinsel bei KM 19,5 herumrennt. Irgendwie muss ich ja wieder nachhause, daher bleibe ich mit meinen Gedanken hier im Jetzt und verlasse mich drauf, dass ich mich schon erhole werde.
Ein nettes Gedankenspiel freut mich dann immer wieder:

Blicke ich nach einer gewissen Kilometeranzahl auf die Strecke, so habe ich schon einen Teil geschafft, ein anderer liegt noch vor mir. Ich kenne meine Strecken schon recht gut, mehr oder weniger auswendig. Daher weiß ich auch, was noch kommt. Ich weiß aber auch, dass ich diese Abschnitte schon sicherlich tausende Male gelaufen bin, ich werde es also auch dieses Mal wieder schaffen. Stehe ich daher (und ich hoffe, der geneigte Leser ist hier ein wenig ortskundig) bei der Reichsbrücke, so blicke ich Richtung Nordwesten und habe noch ca. 8 KM vor mir, die teilweise wie 20 anmuten. Doch schon nach wenigen Metern sind es nur noch 4, dann nur noch 2, nur noch durch jene heimatlichen Straßenzüge vor der Haustür und schon … schon ist der Lauf ebenso Vergangenheit, wie all die Selbstzweifel und kleinen Problemchen, die die Strecke mit sich bringt. Gleiches gilt beim Marathon. Im Ziel sind die Schmerzen der Strecke vorbei, alle Probleme des Laufes sind im Ziel vergangen. Also… meine Lehre aus all dem: Mach weiter, am Ende ist es vorbei.

Ein sehr gutes Beispiel hierfür sind teilweise jene Berichte, die der eine oder andere Lauf, sei es ein Marathon oder auch ein längerer Ultralauf fast von selber schreibt.

Ein beispielsweise von Selbstzweifeln geprägter Lauf knapp am Rande der Aufgabe war der Grenzsstaffellauf 2017 (https://www.run42195.at/index.php/topic,6768.0.html), einer der großartigsten Läufe meines Lebens der „Rundumadum“ im Jahre 2015 (https://www.run42195.at/index.php/topic,6736.0.html)
beim gleichen Lauf im Jahre 2017 wiederum kam es zur ersten krankheitsbedingten Aufgabe meines Lebens (https://www.run42195.at/index.php/topic,6834.0.html)

Ach, Leben ist doch was herrliches, und Laufen ist eine wunderschöne Allegorie aufs Leben. Oftmals scheint die Aufgabe viel zu groß und dann schmilzt sie mit jedem Schritt, mit jeder Sekunde, die wir uns mit ihr beschäftigen dahin und wird kleiner. Einfach dranbleiben, dann gibt die Aufgabe nach.

Die Gegenwart zählt und sie ist mehr oder weniger Ewig. Ein ewiges und gleichzeitig ein so unendlich flüchtiges Jetzt bestimmt mein Denken. Gelegentlich komme auch ich nicht um Planungen für die Zukunft vorbei, doch entscheidet auch hier nicht der Kopf, sondern viel mehr der Instinkt, der Bauch, also mein gegenwärtiges Gefühl.
Perfekt ist dies keineswegs, doch Perfekt ist doch nur ein anderer Ausdruck für die Vergangenheit, oder?

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am Mai 29, 2019 von in Gedanken, Uncategorized und getaggt mit , , , , , , , , , , , , , , , , .
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