Ulrichs Blog

einfache Gedanken zum täglichen Irrsinn

Marathon – mehr als ein halbes Leben

Mehr als ein halbes Leben

Teil 1

Der erste Lauf an den ich mich erinnern kann führte mich gemeinsam mit Matthias, meinem besten Freund zu Volksschulzeiten an den Grundstücksgrenzen der Liegenschaft meiner Großeltern am Semmering entlang. Ich war damals alles andere als ein geschicktes oder gar sportliches Kind, doch war ich sehr erstaunt, wie sich diese Minuten, diese Meter über Stock und Stein, neben Ameisenhügeln und durch diverses Gestrüpp anfühlten. Irgendwie war ich in einer anderen Welt, in einem anderen Gefühl. Trotzdem…. aus welchem Grund auch immer wiederholte ich dieses Erlebnis nie mehr. Eigentlich jammerschade. Die Grenzen der ca. 8000 m² Liegenschaft wären lauftechnisch sicher ein guter Ort gewesen.

Wahrscheinlich keine 2 Kilometer entfernt (für mich fühlte es sich damals wie eine Ewigkeit an) brannte sich das Gefühl des Sprintens, dieses lockere Fliegen über die Piste in meine Erinnerung ein. Ich verbrachte damals viel Zeit mit Christine, meiner Kindheitsfreundin, die nicht nur als Pfadfinderin, sondern überhaupt um einiges sportlicher unterwegs war als ich. Um doch nicht ganz unterzugehen, wollte ich ihr einmal imponieren und lief neben ihr her, während sie auf dem Rad fuhr. Keine große Sache, aber, schon alleine, dass ich mich heute nach über 35 Jahren noch an das Gefühl erinnere, wie verwundert ich über mein Tempo war, spricht für eine gewisse Wertigkeit dieses Moments.

Später zu Schulzeiten im Wiener Internat war Sport, insbesondere wenn er als solcher tituliert war lange Zeit primär negativ besetzt. Als eher träges und dickliches Kind fühlte ich mich lange Zeit nicht wohl, wenn es auf die Laufbahn ging und verband so alle Strecken zwischen 60 und 5000 Meter (weiter liefen wir damals nicht) mit ausschließlich negativen Gefühlen.
Erst, als aufgrund des Wechsels der Turnprofessoren, aber sicher auch aufgrund eines altersbedingten Wachstumsschubes entwickelte ich zwar keine sonderliche Begeisterung für die Rennerei, sehr wohl aber scheinbar ein gewisses Talent. Plötzlich konnte ich mit unserem Klassenbesten mithalten und ihn im Sprint um den Fußballplatz fast besiegen.
Eine sehr wichtige Rolle spielte auch mein Schulkollege Richard. Ich könnte jetzt nicht sagen, dass wir enge Freunde waren, doch war er einer der wenigen, die mich durch sein Beispiel sehr positiv geprägt hatten. Als wir entweder in der 7. oder 8. Klasse waren, lief Richard abends nach dem Abendessen plötzlich für uns alle scheinbar mehr oder weniger grundlos unglaubliche 30 Runden auf der Laufbahn. Also 10 Kilometer auf der Laufbahn. Ich verstand und bewunderte die sportliche Leistung zwar in keinster Weise, doch bewunderte ich irgendwie seinen Antrieb. Ich lernte wohl damals, dass Laufen irgendwie etwas Besonderes war, dass es eine spezielle Reise sein musste, eine Erkundungstour in eigene Gefilde.
Richard beeindruckte mich damals weit mehr, als jener andere Mitschüler, der bereits 1987 oder 1988 beim Wienmarathon mitlief und dafür mit einem beeindruckenden Artikel am schwarzen Brett beim Konferenzzimmer gewürdigt wurde. Doch auch hier wurde Marathon plötzlich thematisiert und war wieder in meinem Kopf präsent.

Ausflug zum Mountainbike

Dennoch war ich nicht sofort Feuer und Flamme beziehungsweise Sohle und Schuhband mit dem Laufsport. Viel mehr faszinierte mich in den Jahren zwischen 17 und 24 der Radsport. Ich war von der spielerischen Leichtigkeit begeistert, mit der die damals neuen Mountainbikes den Waldboden zu einem Abenteuerspielplatz machten. Über die Wiener Höhenstrasse auf den Kahlenberg oder den Cobenzl, dann auf Forstwege oder jene Singletrails, die damals noch „kleine Waldwegerl“ hießen versuchte ich immer wieder neue Bestzeiten aufzustellen. Den Waldbachsteig, jener schmale und durchaus technisch anspruchsvolle Pfad aus dem Kahlenbergerdorf auf den Kahlenberg kannte ich auswendig und konnte mit geschlossenen Augen die Abfolge der Wurzeln und Steine wiederholen. Am Mountainbike sammelte ich auch meine erste Wettkampferfahrung. Aufgenommen in ein kleines MTB-Team eines Radgeschäftes im 18 Bezirk in Wien startete ich bei einigen Rennen im Wienerwald aber auch beim Puchberger Mountainbikemarathon am Schneeberg oder anderen Rennen. Nicht dass ich jemals an relevanter Stelle auf einer Ergebnisliste aufgeschienen wäre, darum ging es mir als Student auch gar nicht. Ich liebte das Abenteuer. Ich liebte die Überwindung der Anstiege, den Wettkampf mit anderen und vor allem den Sieg über mich selber. Gerade der Mountainbikesport schien mir hier ideal, als Mischung von Kraft, Technik, Ausdauer und vor allem einer immens verspielten Komponente. Der Tanz über Steine und Wurzeln, die Frage ob steile Anstiege nicht doch lieber mit geschultertem Rad gelaufen werden sollten oder ähnliches ließ mich die Bergradlerei lieben.
Ein kleiner Wermutstropfen der Mountainbikezeit wurden die dabei anfallenden Kosten. Nachdem ich es nicht bei meinem ersten Rad belassen sollte (ich hatte es auf der Höhenstrasse bei einem Sturz mehr oder weniger verschrottet) fand ich Gefallen daran, in kleinen Schritten am Gewicht und der Qualität des Rades zu feilen. Hier ein leichterer Sattel, da leichtere Reifen oder eine bessere Schaltung… das ging auch ins Geld. Darüber hinaus musste das Rad nach jedem Rennen generalüberholt werden, die diversen Sprünge oder auch gelegentliche Stürze hatten die Felge verzogen, manchmal sollte die Kette getauscht werden oder ähnliches. Mit anderen Worten, Mountainbike ist ein gar nicht so billiger Sport.

Ich glaube, dass ich bereits 1993 anlässlich einer Übertragung vom Wienmarathon wohl ein wenig Blut geleckt hatte und den Wunsch verspürte, einmal dabei zu sein. Als Zuschauer versteht sich. Diese Strecke war dermaßen weit abseits aller meiner persönlichen Möglichkeiten, dass ich damals nicht daran dachte, einmal zu starten. Ja ich lief sehr wohl bereits, doch war die Strecke von Wohnung zum Wertheimsteinpark, wo ich dann meist 3 Runden drehte und wieder zurücklief wohl maximal 4 Kilometer lang. Kein ultimativer Trainingsplan also für einen Stadtmarathon. Vielleicht, ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber vielleicht lief ich damals auch einmal spaßhalber einen Halbmarathon auf der Donauinsel. Doch niemals im Rahmen irgendeines Trainingsplanes, sondern immer nur aus schierer Freud am Abenteuer und sicherlich ohne Taktik oder Renneinteilung.

Im April 1995 muss wohl wieder der Puchberger Mountainbike Marathon stattgefunden haben, an ihn erinnere ich mich nur bruchstückhaft Insbesondere die Regenfälle und den damit verbundenen Schlamm auf der Strecke werde ich wohl nicht so schnell vergessen. Auch dass sich auf der gleichen Stelle wie im Vorjahr am letzten längeren Anstieg mein hinteres Schaltwerk plötzlich mehr oder weniger in seine Einzelteile zerlegte und ich im Gatsch und Regen plötzlich mit dem Imbusschlüssel herumfummeln durfte – was für eine spannende Erinnerung …

Ich brachte das Rad am darauffolgenden Montag ins Radgeschäft Schuh-Ski auf der Ottakringer Straße. So mancher Leser erinnert sich vielleicht noch an die Shops in Ottakring und auf der Donauinsel. Nun dort arbeitete zu jener Zeit Roland, ein leidenschaftlicher Biker und Radfan. Ich überantwortete ihm mein Bike und wir kamen ins Plaudern. Auf meine Frage, was Roland am darauffolgenden Wochenende machen würde erzählte er mir, er würde beim Wienmarathon starten. Da war es um mich geschehen. Ich wusste, dass ich mehr oder weniger locker 7 Kilometer (meine bis dahin längste regelmäßig gelaufene Strecke) schaffen würde, also ging ich davon aus, dass der damals angebotene Frühlingslauf mit seinen 15 Kilometern keine große Herausforderung darstellen sollten. Ich entschloss mich also zur Anmeldung für die Marathondistanz.

Soweit ich mich erinnern kann, folgte ich vielen Ratschlägen von Freunden, so zog ich (gedacht zur Vermeidung von Blasen) 2 Paar Socken über einander an, stopfte mich am Samstag mit Nudeln voll und ähnliches. Den wichtigsten Tipp allerdings gab mir Roland: Lauf langsam weg. Diesen Rat befolgte ich gerne, und zwar so gerne, dass wir (Start war damals auf Höhe der U4 Station Schönbrunn) dann bei der Brücke, welche auf Höhe Hütteldorf ungefähr nach 5 Kilometern über den Wienfluss führte unter den 20 letzten Läufern waren. Nun… ich war im Abenteuer angekommen.

Laufbericht vom Wienmarathon 1995:

tja in kurzen Worten war das ja so…
also:
ich fuhr an einem Wochenende des April 1995 ein MTB rennen am Schneeberg, nachdem ich damals noch in einem MTB Team war. Nach dem Rennen brachte ich mein Rad zum Service zum Schuh Ski, den es damals ja noch gab und traf dort einen Freund, den ich vom MTB her kannte. wir unterhielten uns und es ergab ich das folgende Gespräch:
ich:“ was machst du am Wochenende“
er:“ ich lauf den Marathon“
ich“ weißt was, ich komm mit und schau, wo ich eingehe“
er“ ok“
tja also mit null Lauferfahrung wollte ich einfach schauen, ob ich 21 km schaffen könnte. einmal war ich zuvor ca. 8 km gerannt, daher war ich sicher, den frühlingslauf schaffen zu können, ich suchte also eine größere Herausforderung.
Naja, was die Vorbereitung anlangt, weiß ich nur noch, dass ich einmal einen Waldlauf gemacht habe, so in der Woche vorher ca. 45 min Wienerwald. ich merke also, dass ich laufen kann. Aber das war doch was anderes…
Im Vorfeld erinnere ich mich nur noch dran, dass ich am Samstag viele nudeln aß, aufgrund eines Rates 2 Paar Socken trug und keine Ahnung hatte, was auf mich zukam.
Roland (mein Freund) und ich trafen uns bei der U-Bahn (Schönbrunn damals noch) und waren gespannt. Wir reihten uns ganz hinten ein und trotteten los.
meine Erinnerungen an den Lauf selber sind etwas bruchstückhaft..
ich weiß noch, dass wir Höhe Hütteldorfer Brücke unter den 10 letzten waren, was mich eher erheiterte, und Roland nicht beunruhigte.
dann halt einfach weiter, gaaaanz langsam, schätze sicher im 7er schnitt oder so.
denke der 15er war damals im Rathaus, da merkte ich nur, dass es noch sehr leicht war und freute mich, dass ich mich nicht für den „Frühlingslauf “ angemeldet hatte, sondern für den Marathon.
Bei der Kreuzung Liechtensteinstraße und Alserbachstraße lief Roland dann ein wenig schneller, und ich war aufgrund seiner Antwort „NEIN“ auf meine Frage „kann man auch zu langsam laufen?“ beruhigt.
der HM war glaube ich, irgendwo bei der Schüttelstraße, und knapp danach meinte ich zu einer Mitläuferin..“ ist es nicht interessant, wie langsam man laufen kann?“
im Prater dann überholten mich Gestalten, die sicherlich um 40 kg mehr als ich auf die Waage und 30 Jahre mehr ins Geburtenregister brachten, aber, es war mir egal, naja, ein wenig seltsam war es schon..

Hmmm, ich kann mich nicht mehr erinnern, welche Splits ich hatte, nur dass ich ca. 40 min langsamer auf der 2. hälfte war. der „besenwagen“ überholte mich Ausgang Prater, aber er sammelte mich nicht ein (eigentlich komisch, aber ok)
ich weiß noch, dass ich schreien musste, wenn ich auf der Erdbergerstrasse einen Randstein bezwang, weil ich meine Beine kaum mehr heben konnte. ich ging, lief, ging, so gut es halt ging. bei der Station Landstraße (U4 war der Verkehr längst schon wieder freigegeben, ich wartete und der Polizist ließ mich dann drüber.
am Ring traf ich Roland wieder, der scheinbar Probleme hatte…
.
der Verkehr war längst wieder im fließen… wobei mir das jetzt komisch vorkommt.
ich weiß nur, dass ich dann auf dem Radweg lief und mich ein Tourist ansprach, was ich denn da tun würde.
dann beim Einbiegen aus der Stadiongasse zum Rathaus sah ich das Ziel vor mir, ich wollte laufen, aber konnte kaum.
da kommt von hinten ein Typ, das werd ich nie vergessen… und brüllt während er zum Endspurt ansetzt.. ich brülle auch.
und wir sprinten nach 42000 Metern noch ins Ziel.
nach 5 Stunden 3 Minuten
ich hab das Zielsprintfoto zuhause… alle Leut starren uns an. kein Wunder wir waren praktisch tot und sprinteten schreiend, ein Bild für Götter 😉
mein erster Gedanke im Ziel war…
SCHEI… ich weiß noch nicht, wo meine Grenzen sind.

tja, so war das

Ehrlich gesagt… die Tage nach dem Lauf waren schmerzhaft. Insbesondere die Stunden danach. Meine aufgeriebenen Stellen an den Schenkeln und Brustwarzen bluteten, ich konnte kaum aus der Straßenbahn aussteigen, aber ich fühlte mich wie ein Held. Nach eigenen Maßstäben war ich das wohl auch.

Damit war das Kapitel Laufen für mich eigentlich abgehakt. Ich hatte mich erlebt, hatte so unglaublich viel mehr geschafft, als ich es mir jemals hätte vorstellen können und…. verdammt noch einmal, tat das weh!

Außerdem war da damals noch das Studium, eine wohl perfekte Ausrede, mir nicht noch einmal Gedanken bezüglich eines Marathons zu machen. Nun es kam mehr oder weniger zufällig anders.

Schlicht, weil ich doch noch einmal den Versuch starten wollte, schlicht weil der Gedanke NICHT zu starten absurder war, als die neuerliche Anmeldung…
Nun ich war sicherlich besser vorbereitet als im Vorjahr, hatte einige Straßenkilometer in den Beinen, doch wenige Tage vor dem Lauf ereilte mich ein Magen-Darm-Virus. Ich verlor einiges an Gewicht und ……. nun, ich startete dennoch. Nicht genug, dass ich durch die Erkrankung massiv geschwächt war, der Wetterbericht verhieß auch wenig Erfreuliches. Schon am Start bei Schönbrunn regnete es, der Regen wandelte sich dann in Schnee und Hagel. Ach war das lustig. Irgendwie beendete ich auch diesen Lauf diesmal in für mich überraschend positiven 4:19
Zuhause habe ich in irgendeiner Schublade das Bild meines Zieleinlaufes… gesund schau ich drauf nicht unbedingt aus, aber… es war der Beginn einer Serie

Wenn ich 2-mal gestartet war, lag nun 1997 der Versuch, einmal ein wenig strukturierter zu trainieren und so zu schauen, was möglich war nahe. Ohne wirkliche Ahnung von Trainingsperiodisierung und Laktatmessungen schaffte ich es aber, eine wohl fast perfekte Vorbereitung hinzulegen.

Ich blieb gesund, unverletzt und lief mehr oder weniger von Jänner bis Anfang Mai regelmäßig Strecken zwischen 7 und 21 Km. Aus dieser Zeit stammte auch meine damalige Bestzeit am Halbmarathon von 1:29. Jan. 2020

Der Marathontag im Mai 1997 war in meiner Erinnerung ziemlich perfekt, ich war gut aufgelegt, hatte mir mit einem Freund vereinbart, er würde mich ab einer bestimmten Straßenecke mit dem Rad begleiten und motivieren. Der erste Halbmarathon flog vorbei, ich glaube mich an eine Halbzeit von 1:37 zu erinnern, also eine perfekte Grundlage für alles weitere. Plötzlich durfte ich so etwas wie den perfekten Tag kennenlernen. Jenen Tag an dem sich Freude und Tagesform auf ein Stelldichein treffen und gemeinsam jubeln. Ich war dann nach knappen 40 Kilometern schon am Ring unterwegs, als Klaus mit zurief: „Die 3:30 gehen sich aus!!“. Ich erinnere mich gut an meine Antwort: „Ich will mehr!“. So beschleunigte ich noch und stürmte am Parlament zu Rainhard Fendrichs „Blond“ in Richtung Rathausplatz. Meine Zeit konnte ich damals nicht wirklich einordnen, zu wenig Erfahrung und Respekt hatte ich vor dem Marathon. Später sollte ich lernen, dass meine 3:19 – also eine Verbesserung um exakt eine Stunde – wohl die Tagesform meines Lebens bedeutet haben. Toll, das einmal erlebt zu haben!

Ende Teil 1

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